Bericht über die ersten zwei Wochen:
Lange habe ich nicht mehr geschrieben, richtig. Komischerweise habe ich kaum Ruhe gefunden. Außerdem erhalte ich so viele Eindrücke, dass es manchmal schwierig ist, diese zu sortieren.
Zunächst zu meinem allgemeinen Befinden (das ist einfach): Freitag habe ich zu den Mädels gesagt, dass ich mich irgendwie viel besser fühle als in Deutschland. Ich bin zum Teil so glücklich, dass ich mir selbst etwas auf die Nerven gehe (Leute die mich kennen, wissen, dass mich übertriebene Fröhlichkeit nervt). Kummer und Sorgen, die mich in Deutschland beschäftigten, sind wie verschwunden. Ich weiß nicht genau, was es ist. Ist es das Wetter? Die Menschen? Ich habe echt keinen Schimmer. Ich schlafe viel besser, bin ausgeglichener und entspannter. Außerdem ist mir aufgefallen, dass meine Faulheit stark gesunken ist. Ganz automatisch bin ich viel disziplinierter geworden. Ich bin nicht mehr so chaotisch, bin pünktlich (was hier oft überflüssig ist, da viele sehr unpünktlich sind) und stehe früh auf. Was ist bloß mit mir los???
Ich bin unglaublich froh darüber, dass ich so viele liebe Menschen hier kennenlernen durfte in diesen ersten zwei Wochen. Samstag waren wir Austauschstudenten (wir sind eine Gruppe aus vier Deutschen und einer Studentin aus Finnland, die auch deutsch kann und deswegen oft für eine Deutsche gehalten wird) bei Octavian eingeladen. Er hat uns anfangs geholfen, uns an der Uni und in der Stadt zurechtzufinden. Er feierte seinen Abschied mit seinen Freunden und seiner Familie, da er jetzt nach Deutschland gereist ist um in Vechta zu studieren. Es war eine wunderbare Feier. Es gab Essen und Geschenke und viele nette Unterhaltungen. Octa hat eine hübsche Frau und eine echt süße bald 2-Jährige Tochter. Wir haben uns sehr wohl gefühlt. Er meinte, dass er uns als seine neuen Freunde schätzt und wir zu seiner Familie gehören. Süß, oder?? Er tut mir etwas leid, da ich genau weiß, dass es in Deutschland nicht üblich ist, jemanden nach so kurzer Zeit als seinen Freund zu bezeichnen. Die Distanziertheit der Deutschen ist bestimmt ungewohnt für ihn. Ich hoffe, dass er nette Leute trifft, die schnell auf ihn zukommen.
Und nun ein kurzer Bericht über die ersten Lehrveranstaltungen: Veranstaltungen wie „Economic Sociology“ sind nun nicht besonders anders wie die in Deutschland. Inhaltlich wird über die üblichen Vertreter gesprochen (Max Weber etc.). In Veranstaltungen wie „Sociology of Marriage and Family“ stoßen wir auf große inhaltliche Unterschiede. Es wird diskutiert, dass es in TZ üblich ist, dass der Mann das Oberhaupt der Familie ist etc. Überdies ist es in diesem Land möglich, dass ein Mann mehrere Frauen hat (wobei ich mir nicht sicher bin, ob es in jedem Stamm geht). Typische patriarchale Sozialstruktur eben… Als wir Europäerinnen gefragt wurden, wie es in unserer Kultur aussieht, und wir erklärten, dass eine Frau rechtlich dem Mann gleichgestellt ist wurde dies nickend zur Kenntnis genommen. Doch als wir erzählten, dass in Deutschland sogar Frau und Frau oder Mann und Mann heiraten können, sorgten wir für viel Aufruhe. Außerdem unterliegen wir keinem sozialen Druck, dass wir heiraten müssen. Ich denke, diese Veranstaltung wird sehr interessant…
Ob ich denn alles verstehe? Ja überwiegend. Wie erwähnt, ist der Dialekt gewöhnungsbedürftig. Aber mit der englischen Sprache an sich komme ich gut zurecht.
Ich werde häufig aus Deutschland gefragt, wie die Männer hier so sind. Ich werde dieses Thema nur ein EINZIGES Mal, und zwar NUR dieses Mal behandeln:
Also: die kommen oft zu uns, egal ob Jakob oder andere männliche Individuen bei uns sind, und fragen uns aus, woher wir kommen und wie wir heißen und so weiter (dies schreibe ich um auszuschließen, dass die gewisse Absichten haben, denn das glaube ich in den meisten Fällen nicht). Ich denke es ist reine Neugierde und das Temperament der Afrikanischen Menschen, sich einfach miteinander zu unterhalten, obwohl man sich nicht kennt. Studentinnen sind auch sehr interessiert aber manchmal schüchterner. Keine Angst es nervt überhaupt nicht. Zurück zum Verhalten der Männer: Manchmal wundern wir uns sehr, da sie ziemlich schnell nach der Handynummer fragen (das passiert Jakob auch quasi täglich, dass er von Kerlen nach der Telefonnummer gefragt wird). Natürlich bin ich da vorsichtig. Um zu gucken was passiert (Untersuchung eines soziologischen Phänomens versteht sich), hab ich meine neue tansanische Nummer mal weitergegeben (falls es nervt kaufe ich mir einfach eine neue Simcard, die sind sehr billig). Mein Experiment zeigte, dass man offensichtlich manche männlichen Studenten hier nicht ernstnehmen kann. Conny (sie ist auch aus Vechta und arbeitet hier an einer Schule) hat ähnliche Erfahrungen gemacht. Es ist wirklich sehr amüsant. Dieser Typ, der nun über meine Handynummer verfügt, traut sich zum Beispiel nicht, in der Mensa zu mir zu kommen um mich zu begrüßen, wenn ich mit anderen esse, sondern ruft mich aus fünf Meter Entfernung an. „Andere Länder, andere Sitten“ oder wie sagt man?
Ein Jura Student namens Richard sprach mich im Dala-Dala an. Im Dala-Dala wird sich auch immer einfach so unterhalten, obwohl man sich nicht kennt, da man ja eh schon für uns Europäer ungewohnt engen Körperkontakt hat (wird ja bis zum letzten Zentimeter vollgequetscht). Richie hat eine angenehm zurückhaltende Art verglichen mit anderen Tansaniern. Wir unterhielten uns über dies und das und zum Schluss fragte er wie erwartet auch nach meiner Nummer. Ich erklärte, dass ich zum Schutz meine Nummer nicht weitergebe, was er als gute Sache beurteilte. Abends erzählte ich Conny von ihm. Wie der Zufall es wollte begegneten sich Richard und Conny am folgenden Tag und es machte bei ihr sofort klick, als Richie sich als Jura Student vorstellte und sie bemerkte, dass meine Beschreibung auf ihn zutraf. Als die beiden über mich sprachen, meinte Richie zu ihr: „ahhh Katharina, ja genau ich kenn sie, sie ist eine gute Freundin von mir…“. Lustig oder? Es scheint hier wirklich üblich zu sein, Jemanden nach ziemlich kurzer Zeit als Freund/in zu bezeichnen. Richie begegnen wir öfters und er hat nie wieder nach meiner Telefonnummer gefragt.
Also Zusammenfassend (oder wie ein Gewisser Professor in Vec mit erhobenen Zeigefinger sagen würde: CONCLUSIO): Die sind hier alle nichts für mich. Abgesehen davon, bin ich eh nicht auf der Suche! So, Thema abgeschlossen hehe
Sonntag (bzw. gestern) bin ich mit Conny aus Interesse in die Kirche der St. Augustine University gegangen. Für diese Gelegenheit wählte ich mein für mich genähtes neues Kleid. Ich verstand wenig, da die Messe auf Kiswahili gehalten wird, empfand es trotz dem als eine sehr schöne Veranstaltung. Die Kirche war so voll, dass viele stehen mussten. Als wir ankamen, waren bereits alle Plätze besetzt. Ich wurde aufgefordert mich in die dritte Reihe neben dem Chor zu setzten (also ich stand neben Bass und Sopran/Alt befand sich vorne). Hinter dieser Reihe saßen übliche Kirchenbesucher, jedoch war die schon vollgequetscht wie ein Dala-Dala. Zwar war mir das unangenehm, aber es bringt überhaupt nichts, Angebote dieser Art abzulehnen, da die Menschen hier immer so lange darauf bestehen, bis man das „Geschenk“ nun doch annimmt. Der Platz war ziemlich komisch für mich, weil ich mich recht beobachtet fühlte. Eine Weiße in einem afrikanischen Kleid neben den singenden Menschen… Bei manchen Liedern, die der Chor sang, wurde sich im Sitzen im Takt nach rechts und links bewegt (und dies gilt nur für den Chor). Da es sehr eng war, blieb mir nichts anderes übrig, mitzugehen. Wenn es vorgesehen war zu stehen und dafür ein rhythmischer Tanz bestimmt war, habe ich versucht, schön weit außen zu stehen um diesem „Zwang“ zu entgehen. Muss bestimmt witzig ausgesehen haben…
Schon wieder genoss ich die engelsgleichen Gesänge. Ich lernte zwar schnell die Lieder, traute mich aber nicht mitzusingen, weil ich die schönen Klänge nicht verhunzen wollte.
Ich sah, wie fröhlich die Menschen waren, obwohl sie echt wenig besitzen. Das hat mich mit tiefer Demut berührt (genau diese Worte benutzte eine sehr gute Freundin aus Cuxhaven, welche vor einigen Jahren in Südafrika ähnliche Erfahrungen gemacht hat). Ich konnte mir das schon vorstellen, als ich noch in Deutschland war, jedoch war es ziemlich überwältigend dies live zu erleben.
Neulich schrieb ich in einer Email: „Jeglichen Luxus und Überfluss sucht man hier vergebens“ mit dem Zusatz, das ich dies überhaupt nicht vermissen würde. Aber ich muss sagen, dass ich mich unpräzise ausgedrückt habe. Es gibt Überfluss, und zwar gewaltigen! Überfluss an menschlicher Wärme, ehrlicher Wertschätzung und Freundlichkeit in aller Form.
Oh ich werde ja richtig sentimental. Ich werde mal aufhören…
Im nächsten Bolg-Eintrag möchte ich was über die Arbeitseinstellung der Tansanier schreiben. Ist bestimmt lustig. Bis bald!
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